•  
  •  
Nordöstliche Ecke des Kreuzgangs mit dem Wettinger Jesuskind. 2016.

Armarium und Mönchspforte. 2016.
Non mergor

Um die Klosterstiftung rankt sich eine feinsinnige Legende. Danach soll Heinrich von Rapperswil auf einer Fahrt ins Heilige Land in Seenot geraten sein und einen Hilferuf an die Muttergottes mit dem Gelübde verbunden haben, für den Fall seiner Errettung ihr zu Ehren ein Kloster zu stiften. Wunderbarerweise hätten sich darauf die Meereswogen geglättet, während als Zeichen der Gebetserhörung ein heller Stern über dem Meer erschienen sein.

Am 14.10.1227 gründete der Freiherr Heinrich II. von Rapperswil an der Limmat das Kloster - Maris Stella oder Wettingen - und liess es von Zisterziensermönchen aus Salem am Bodensee besiedeln. Die erste Weihe des Gotteshauses mit acht Altären erfolgte 1256. Die Klosterkirche Maria Meerstern wurde wie alle Kirchen des Zisterzienserordens der in den Himmel aufgenommenen Gottesmutter geweiht, mit dem Patrozinium am 15. August (Mariä Himmelfahrt). Nach dem Klosterbrand von 1507 wurde die Kirche wieder hergestellt und 1517 neu geweiht. Unter Abt Peter II. Schmid wurde das Kloster Maria Meerstern mit verschiedenen Renaissance-Ausstattungen umgestaltet.

In den politischen Wirren der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erhielten liberale Mächte im Kanton Aargau die Oberhand. Eine Welle von Klosteraufhebungen folgte, der auch Wettingen am 28.1.1841 zum Opfer fiel. Der vertriebene Konvent entschloss sich nach kurzen Aufenthalten in Bounas und Werthenstein ins Ausland auszuwandern. Am 8. Juni 1854 besiedelten die vertriebenen Mönche aus Wettingen die Reste des alten Benediktinerstifts Mehrerau in Bregenz (Österreich). Der Leitspruch der Wettinger Mönche erfüllte sich in der Zisterzienserabtei Wettingen-Mehrerau: Non mergor - Ich gehe nicht unter.

Die säkularisierten Konventgebäude nahmen 1846 das kantonale Lehrerseminar mit einem Schülerinternat auf und beherbergen seit der Neustrukturierung der aargauischen Lehrerausbildung im Jahre 1976 eine der sechs kantonalen Mittelschulen. Die Kirche dient Gottesdiensten und kulturellen Anlässen.
          
Der Flügelaltar mit dem Wettinger Jesuskind befindet sich heute in der kleinen Kreuzgangkapelle des ehemaligen Zisterzienserklosters Wettingen. Die Zisterzienser nannten diese Büchernische im Kreuzgang "Armarium", das heisst Waffenkammer für das geistige Rüstzeug.

Wettinger Jesuskind.
Foto von Markus Fritschi, Curesys AG. 2009.

Holzbild um 1450

Der nackte Jesusknabe sitzt lächelnd auf einem roten Kissen inmitten einer grünen Wiese. Sein linkes Bein ist gestreckt, das rechte ist angewinkelt. Er hält in seinen erhobenen Händen ein langes Spruchband und blickt nach oben in den dunklen, rot-violett gefärbten Himmel. Leider ist die Schrift auf dem Spruchband kaum zu lesen, da mehrere Buchstaben fehlen. Nach dem letzten Wort "jar" zu schliessen, wäre es ein deutscher Text. Das nackte Jesulein wurde in der Form kleiner Heiligenbildchen in alter Zeit gern für die Neujahrswünsche verschickt.

Das Bild könnte um 1450 (vielleicht unter Abt Rudolf Wülflinger) für das Kloster Wettingen geschaffen worden sein und dort ein Zimmer des Abtes geschmückt haben. Das Tafelbild besteht aus zwei gleich grossen Holzbrettern. Das Bild misst 86 x 71 cm und zeigt in seiner künstlerischen Manier noch Einflüsse des sogenannten "Schönen Stils", der um 1400 und bis ins vorgerückte 15. Jahrhundert im Norden der Alpen weit verbreitet war und sich durch seine weichen Umrisslinien auszeichnet.

Eine Künstlersignatur fehlt auf dem Bild, eine Archiv-Quelle, die den Autor nennen würde, ebenfalls. Die Malerwerkstatt könnte sich im Kloster selbst oder in Baden oder Basel befunden haben (zu Basel hatte Wülflinger besondere Beziehungen). Dass ein Mönch das Bild gefertigt hätte, ist nicht auszuschliessen, aber eher unwahrscheinlich.

Darstellung des Klosterbrands von 1507.
Archiv der Zisterzienserabtei Wettingen-Mehrerau. 2011.


Elogia Abbatum Marisstellae.
Klosterdruck Wettingen 1695. (Erstauflage 1670).
Staatsarchiv Aargau, Nr. 2828.

Necrologium Wettingense.
Um 1420-1765. Staatsarchiv Aargau, AA/3130.
Klosterbrand am 11. April 1507

Das Holzgemälde des Wettinger Jesuskindes überstand den verheerenden Klosterbrand am Sonntag nach Ostern 1507 (Barmherzigkeitssonntag) trotz höchster Gefährdung auf wundersame Weise: Durch die Flammen entstanden zahlreiche Glutlöcher in einer besonderen Anordnung. Im Zentrum des Gnadenbildes befindet sich ein herzförmiges Glutloch, das zugleich das "Herz Jesu" darstellt.

Laut der Cistercienser-Chronik von 1894 soll sich der junge Konventuale und nachmalige Abt Johannes Schnewly in der Herstellung von Raketen geübt haben; nach den Elogia Abbatum Marisstellae von 1695 war eine unbewachte Kerze Brandursache.

Der damalige Abt Johann Müller (Abtzeit 1486 - 1521) soll nach dem Bericht eines zuverlässigen Gewährsmannes Folgendes gesagt haben:
"Der Tag (des Klosterbrandes) wurde in Albis (Weisser Sonntag) genannt, aber von unheilvoller Kohle gezeichnet sollte man ihn eher Tag der Asche nennen. (...)  Ich habe den Phoenix des Himmels und der Erde - Christus, den Retter - auf seinem Abbild (auf dem Jesuskind-Bildnis) unversehrt gesehen. Dieses öffentlich aufgehängte Bild möge alle Nachgeborenen an das Wunderzeichen erinnern und sie gleichzeitig zur Vorsicht mahnen."

Der sagenhafte, herrliche Vogel "Phönix" bedeutet Leben, Auferstehung, Keuschheit. Er ist eines der ältesten Christussymbole und findet sich seit dem 2. Jahrhundert in der Katakombenmalerei. Der Sage nach stürzt er sich selber in die Flammen, um sich aus der Asche verjüngt zu erheben.

Offenbar war das Bild zu Abt Müllers Zeiten an einem gut sichtbaren Platz aufgehängt, wo es alle Klosterbesucher sehen konnten.

Das Wettinger Nekrologium gedenkt jeweils am 11. April Valentin Scharpf, der während eines Unglücks, das bei den Löscharbeiten geschah, verstarb:
"Man gedenke des Valentin Scharpf aus Ysvelt, der bei der Bekämpfung des Brandes aus dem Weinkeller am Sonntag Quasimodo 1507 mit übergrossem Eifer die Mauern der Kirche und die heiligen Altäre retten wollte. Beim Herausziehen eines brennenden Balkens wurde er am Kopf getroffen und konnte während einer halben Stunde noch mit den letzten Seufzern seine Sünden beichten, bevor er starb. Er hinterliess uns ein ehrenvolles Gedenken."

Schweizer Chronik Diebold Schillings. 1513. Luzern, Zentral - & Hochschulbibliothek, S 23 fol.
Schweizer Bilderchronik von 1513

Im Jahre 1513 übergab der Luzerner Notar und Priester Diebold Schilling d. J. dem Luzerner Rat seine Chronik, an der er seit 1509 gearbeitet hatte. Die Luzerner Chronik ist eine herausragende Bildquelle zum Leben der Menschen in Luzern und in der Eidgenossenschaft in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts.

Das Bild auf Seite 459 und der Text auf Seite 458 beschreiben den Brand des Klosters Wettingen von 1507:
"Wie Wettingen das closter verbran, alß der Eitgnossen botten und ander zu Baden warend. Und also umb der heiligen dryer küngen tag in dem obgeschribnen jar kamend gemeiner Eitgnossen botten gan Baden, wie zu Einsidlen an wz geslagen, desglich des Romschen, ouch des küngs von Franckenrich bottschafft. Und alß sy zu Baden eben über den handel wolltent sitzen, derselben nacht verbran Wettingen das closter und ward ein groß gelouff; es ward ouch inmaß errettet, das die kilch den merteil bleib. Aber inen beschach an korn, win, schüren, kellern und stellen vast grosser schaden. Doch ward inen von minen heren gemeinen Eitgnossen grosse hilff, und darzu getan, das sollich gotzhuß wider in buw und ere kam."

Der Brand geschah nicht am 6. Januar, sondern am 11. April 1507. Eine mögliche Erklärung wäre die Verwechslung der Daten der Tagsatzungen. Nach der Amtlichen Sammlung der ältern Eidgenössischen Abschiede fand die Tagsatzung in Baden sowohl am 7. Januar 1507 ("Donstag nach der hl. 3 Könige Tag") als auch am 10. April 1507 ("Samstag in der Osterwoche") statt.

Konsekrationsurkunde. 1517.
Staatsarchiv Aargau, Urk Wett 1273.
Neuweihe von 1517

Wenige Wochen nach dem Unglück beauftragte eine Tagsatzung zu Schaffhausen Boten von Zürich, Bern, Luzern und Unterwalden mit den Vorbereitungen zur Wiederherstellung des Klosters.

Geldmangel brachte die Wiederherstellungsarbeiten ins Stocken: Fast sieben Jahre nach der Feuersbrunst waren die Schäden in der Kirche noch immer nicht vollständig behoben, und sogar noch zur Zeit der Rekonziliation im April und Mai 1517 war das Kloster erst "zum grösseren Teil" instandgesetzt.

Der damals in Wettingen weilende apostolische Legat und Bischof von Veroli, Ennius Philonardus, der die Kirche und acht Altäre am 29. April 1517 neuweihte, erwähnt in der Konsekrationsurkunde ausdrücklich die auf dem Konvent lastenden Schulden und forderte alle Gläubigen zur Mithilfe auf.

Wappen der Zisterzienserabtei Wettingen-Mehrerau
mit dem Leitspruch "Ich gehe nicht unter". 2007.

Bildersturm von 1529

Abt Georg Müller (Abtwahl 1528) schloss sich 1529 mit 17 im Kloster lebenden Mönchen der Reform Zwinglis an. Sie legten das Ordensgewand ab, Messe und Chorgebet wurden abgeschafft. Nach dem Übertritt sollen sich nach Bullinger unflätige Dinge abgespielt haben. Im Kloster herrschten über einige Zeit das Chaos und der Mob.

Dabei wurden die "bilder vnd kilchenzierden hingetan, alltär vnd Götzen zerbrochen vnd abgethan", obschon der wankelmütige Abt Georg Müller von seinen Konventualen zu erwirken versucht hatte, "dass sy die götzen still und mit züchten verbergind."

Nach der Zweiten Schlacht bei Kappel 1531 setzten sich die katholischen Kantone sofort für die Rekatholisierung des Klosters ein. Pater Johann Schnewly, der als junger Konventuale den Klosterbrand von 1507 verursacht hatte, wurde zum neuen Abt ernannt. Ende November 1531 begann er mit vier katholisch gebliebenen Mönchen wieder den Gottesdienst.

Flügelaltar geöffnet.
Wettinger Jesuskind. Um 1450.

Flügelaltar geschlossen.
Links: Unsere Liebe Frau zu Kloster Wettingen. 1602.

Fotos von Markus Fritschi, Curesys AG. 2009.

Flügelbilder von 1602

1602, erst knapp hundert Jahre nach dem Klosterbrand, wurde das Jesus-Bild mit zwei damals neu geschaffenen Flügelbildern zum jetzt noch erhaltenen Altarretabel zusammengefügt. 

Retabelbilder haben eine dreifache Funktion bei der Glaubensvermittlung. Erstens machen sie dem des Lesens unkundigen Laien das heilige Geschehen verständlich, zweitens sind sie ein didaktisches Mittel zum Memorieren der Heilsmysterien und der Heiligenleben und drittens besitzen sie eine besondere Kraft, da sie unmittelbarer als Bibeltext oder Heiligenlegende das Gefühl ansprechen.

Vermutlich liess Abt Peter Schmid (Abtzeit 1594 - 1633) das Retabel in der damals neu hergerichteten Abtkapelle hinter der sogenannten "Sommerabtei" aufstellen. Er verfügte die Herstellung der zusätzlichen Darstellungen (Maria mit Kind, Klosteransicht und Klostergründer) sowie die Anbringung der umfangreichen Inschriften. Auch in diesem Falle ist kein Künstlername überliefert. Vor allem das Marienbild "Unsere Liebe Frau zu Kloster Wettingen" zeigt mit seiner gewagten architektonischen Perspektive ausgesprochene Renaissance-Züge, wie sie ähnlich auf zeitgleichen Glasgemälden zu erkennen sind (auch auf solchen im Kreuzgang von Wettingen). Abt Peter Schmid stammte aus Baar (Kanton Zug) und hat für viele Ausstattungsarbeiten in seinem Kloster Innerschweizer Künstler herangezogen. Die Innerschweiz spielte in manchem Fall eine Rolle als "Einfallstor" für die aus Italien stammenden Formen der Renaissance. Vermutlich war ein innerschweizerischer Glas- oder Tafelmaler der Künstler der beiden Retabelflügel.

Die Inschrift unter der Klostervedute auf dem linken Flügel lautet, frei übersetzt:
"Das Kloster Marisstella (= Wettingen) brannte am 11. April 1507 aus, wobei das (in diesem Retabel wieder verwendete) Bildnis des Jesuskindes das Feuer unbeschadet überstand."

Heinrich Murers Chronik des Klosters Wettingen.
1631. Kantonsbibliothek Thurgau, Y115.

Heinrich Murers Chronik von 1631

Der Kartäusermönch und Historiker Heinrich Murer verfasste in der Kartause Ittingen von 1614 bis 1638 zahlreiche Chroniken von Klöstern, Abteien und Bistümern, die als Teile seines unvollendet gebliebenen Hauptwerks Theatrum Ecclesiasticum Helvetiorum ("geistlicher Schauplatz Helvetiens") konzipiert waren.

In seiner handschriftlichen Chronik des Klosters Wettingen beschrieb er 1631 die wundersame Bewahrung des Wettinger Jesuskindes im Klosterbrand von 1507:
"Es wird noch zu Wettingen im Crützgang vor dem Capitelhus ein Tafelen darin ein sitzedes kindlin Jesu gemalet gesehen: So wunderbarlicher Weis von Gott in dieser brunst erhalten worden ist, dann dise Taffel etliche mahlZeichen hat (einige Worte durchgestrichen) und als das feür und täfelin bis zu einem füeßlin des kindlins gebrunnen, hat das kindlin Jesu Miraculose und von Göttlicher Krafft das eine Füeßlin an sich gezogen und unverseret verbliben."

Die Übertragung lautet:
"Es ward noch zu Wettingen im Kreuzgang vor der Kapelle eine Tafel gesehen, auf die ein sitzendes Jesuskindlein gemalt war. Diese Tafel wurde wunderbarerweise von Gott in dieser Feuersbrunst erhalten. Sie trug mehrere Brandspuren, weil sie in diesem Feuer gewesen war und als das Feuer auf der Tafel bis zu einem Füsslein des Jesuskindleins vorgedrungen war, zog es wunderbarerweise und aus göttlicher Kraft das Füsslein an sich und blieb unversehrt."

Flügelaltärchen in der Kreuzgangkapelle. 2016.
Links: Unsere Liebe Frau zu Kloster Wettingen. 1602.
Mitte: Wettinger Jesuskind. Um 1450.
Rechts: Klostergründer. 1602.


Lateinischer Atlas Marianus.
1672. Aargauer Kantonsbibliothek.

Atlas Marianus von 1672

Das Flügelretabel wandelt seine Erscheinung im Laufe des Kirchenjahres durch das Öffnen und Schliessen der Flügel, durch die Darstellung von Fest- und Werktagsseiten. Allgemein wird angenommen, dass die Retabel selten geöffnet wurden und daher meistens nur die äusseren Werktagsseiten sichtbar waren.

Das Flügelaltärchen des Klosters Wettingen präsentiert sich den Gläubigen wie ein grosses Bilderbuch. Das Marienbild auf der linken Flügelaussenseite kündigt das Geschehen im Retabelinnern an: Das Jesuskind überlebte den verheerenden Brand des Klosters Maria Meerstern auf wundersame Weise.

1672 verzeichnete der Jesuitenpater Wilhelm Gumppenberg in seinem lateinischen "Atlas Marianus", der 1200 wundertätige Marienbilder von Mexiko bis zu den Philippinen beschreibend katalogisierte, auch das Flügelaltärchen mit dem Wettinger Jesuskind. Der Beitrag für den Atlas Marianus wurde vom Jesuitenpater Wolfgang Lieb verfasst, der vor allem in Luzern in der Seelsorge tätig war.

Der Eintrag im Marianischen Atlas verdeutlicht die grosse Verehrung des Flügelaltärchens mit dem Wettinger Jesulein durch die Bevölkerung in der Umgebung von Wettingen im 17. Jahrhundert.

Deutsche Übersetzung des Atlas Marianus.
1673. P. Maximilianum Wartenberg SJ.
Bayerische Staatsbibliothek Digital.
Marianischer Atlas von 1673

Der Atlas Marianus wurde das verbreitetste religiöse Illustrationswerk des 17. Jahrhunderts; der lateinischen Erstausgabe (Ingolstadt 1657) folgten erweiterte Neuauflagen und Übersetzungen in deutscher, italienischer, ungarischer und polnischer Sprache.

Eine der deutschen Übersetzungen des Atlas Marianus und der Beschreibung des Flügelaltars des Wettinger Jesuskindes erfolgte 1673 durch P. Maximilianum Wartenberg SJ:
"Vnser L. Frauen Bild Zu Wettingen / in Ober-Teutschland. IN dem Kloster Wettingen des Ordens S. Bernardi / ist ein Mutter Gottes Bild / so das JEsus-Kindlein auff den Armben haltet / ist sehr Kunstreich auff Holz gemahlet / vnd wird in derselben Gegend herumb hoch in Ehren gehalten. Als das Kloster einsmals von Grund hinweg gebronnen / ist auch dieses Bild in der Flamm gestecket / doch also / dass es von aussen allenthalb verbrennet worden / vnd auch das Feur so weit kommen / dass auch dess Kindleins halbe Füsslein verbrunnen wäre / wann es aussgestreckter gemahlet wäre. Die alte Andacht glaubet / es habe das Kindlein das Füsslein an sich gezogen."

Deutsche Übersetzung des Atlas Marianus.
1717. P. Augustino Sartorio OCist.
Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek
Göttingen digital.

Marianischer Atlas von 1717

Eine weitere deutsche Übersetzung des Atlas Marianus erfolgte 1717 durch P. Augustino Sartorio OCist:
"U.L.F. zu Closter Wettingen. 6. zu Wettingen. Ord.Cist. Zu diesem schönen Gnaden-Bild in dem Cistercienser Closter zu Wettingen hegen die benachbarte ein besonderes Vertrauen, und ist solches in dem entstandenen Schaden-Feuer, wodurch die Kirche sambt dem Closter zu Grunde gangen, obwohlen mitten in Flammen, doch nicht mitverbrenet, sondern es seynd nur an denen Seiten einige wenige Brand-Mahlen übergeblieben.
Poësis: Auch mitten in der Flamm sie ohn beschädigt bleibet / Drum sie die wahre Kirch die unversehrte schreibet. Wo von der Erb-Sünd sonst die ganze Welt thut rauchen / Darff sie kein Höllen-Dampff / kein Schlangen-Gifft anhauchen. Weil sie nun allzeit frey von aller Sünd geblieben / Thut sie auch mütterlich all'Sünden freye lieben."

Lesegang mit Flügelalter an den Abtssitz angelehnt.
Um 1894. Ansichtskarte, ETH-Bibliothek Zürich.

Cistercienser-Chronik von 1894

Pater Dominicus Willi OCist (Abt von Marienstatt und später Bischof von Limburg) schrieb 1894 in der Cistercienser-Chronik der Zisterzienserabtei Wettingen-Mehrerau Folgendes über das Wettinger Jesuskind:
"Bevor wir den Lesegang (= der an die Kirche anstossende Teil des Kreuzganges) verlassen, will ich den Besucher oder Leser auf ein Diptychon (= zweiflügelige bemalte, mit Scharnieren verbundene Altartafel) aufmerksam machen, welches jetzt gewöhnlich an den Abtssitz angelehnt ist und an welches sich eine merkwürdige Begebenheit knüpft. Das Mittelbild stellt ein auf Holz gemaltes Jesuskind dar. Dieses Bild hatte seinen althergebrachten Standpunkt im Capitelhause. Beim grossen Brande am 11. April 1507 wurde es vom Feuer ergriffen. Ringsum brannte die Holztafel lichterloh. Da soll das Jesuskind vor den Flammen die Füsse zurückgezogen haben. Die Figur blieb ganz unverletzt; die Lage der Füsse ist eine wirklich merkwürdige und macht einen Eindruck, welcher der frommen Legende einen hohen Grad von Wahrscheinlichkeit verleiht. Neben dem Bilde sind tiefe Brandspuren sichtbar. Abt Peter Schmid liess das Bild nach Art eines Diptychons einrahmen und auf den Flügeln den Klosterbrand und Anderes malen. Der Convent von Wettingen hielt das Bild hoch in Ehren. Es wird als historische Merkwürdigkeit auch jetzt noch erhalten, muss aber Zeuge mancher spöttischer Bemerkung über 'mönchischen Aberglauben' sein."

Postkarte des Klosters Wettingen.
Links unten Abtssitz mit Flügelaltärchen.
1901. Fotoarchiv Wettingen.


Nordöstliche Ecke des Kreuzgangs mit vergittertem Armarium.
1901. SW-Foto von Max van Berchem. Schweizerische Nationalbibliothek Bern.

Klosterführer von 1908
 
Prof. Dr. Hans Lehmann (Kunsthistoriker und Direktor des Schweizerischen Landesmuseums Zürich) schrieb 1908 in seinem Klosterführer Folgendes über das Wettinger Jesuskind im Lesegang:
"Unser besonderes Interesse erregt der Nordarm, nicht nur seines hohen Alters wegen, sondern als Lesegang, in dem allabendlich die Mönche sich zur Kollatio versammelten. Noch stehen auf beiden Seiten der Wand entlang die einfachen Sitzbänke mit dem schmucklosen Abtsitze (dem spitzbogigen Fenster gegenüber), auf denen die Mönche ihrem vorlesenden Bruder lauschten oder während des Tages die stille Andacht hielten. Das Mittelbild des hier aufgestellten kleinen Flügelaltärchens soll beim Klosterbrande im Jahre 1507 auf wunderbare Weise von den Flammen verschont worden sein. Renoviert wurde es auf Veranlassung des Abtes Peter II., teilweise verdorben durch einen Klosterbruder, der es reinigen wollte, am Schlusse des 18. Jahrhunderts."

Ostwand der Kreuzgangkapelle während der
Restaurierung 1954.
SW-Foto von © Kantonale Denkmalpflege Aargau.


Wettinger Jesuskind vor seiner Restaurierung 1954.
SW-Foto von © H. A. Fischer Restauratoren, Bern.


Antlitz des Wettinger Jesuskindes vor der
Restaurierung 1954.
SW-Foto von © H. A. Fischer Restauratoren, Bern.

Restaurierung von 1954

1954 wurde die seit dem späten 16. Jahrhundert umgestaltete Kreuzgangkapelle in den Zustand des 14. Jahrhunderts zurückrekonstruiert.

Die Kapelle, deren Südmauer durch eine grosse Stichbogennische mit einer Piscina erweitert ist, war ehemals vollständig ausgemalt. Zu den bekannten Kunstschätzen Wettingens gesellt sich mit den Wandmalereien der Kreuzgangkapelle eine bisher nicht vertretene Bildgattung.

Das kleine Flügelaltärchen des Wettinger Jesuskindes, welches vorher im Nordarm des Kreuzganges aufgestellt war, wurde nach seiner Restaurierung, um die schmucklose Ostwand der Kreuzgangkapelle nicht unbesetzt zu lassen, über dem Altar angebracht.

Dabei hat sich dieses Werk als eine bisher verkannte Kostbarkeit erwiesen.

Kopie des Flügelaltars.
Foto von Markus Fritschi, Curesys AG. 2010.

Feuerwehrübung von 2010

Das Kloster Wettingen gehört zu den bedeutendsten Kulturdenkmälern des Kantons Aargau. Brände und andere Katastrophen machen auch vor bedeutendem Kulturgut nicht Halt. Das Kloster Wettingen fiel 1507 einem Grossbrand zum Opfer. Ein Ereignis, welches man sich nicht wieder wünscht. Verschiedene Ereignisse der jüngsten Zeit machen bewusst, dass Notfallplanungen für Gebäude von nationaler und internationaler Bedeutung wichtig sind.

Auf Katastrophen kann man sich nur bedingt vorbereiten. Moderne Brandmeldeanlagen, eine Notfallplanung, die Sensibilisierung des örtlichen Feuerwehrpersonals und die Zusammenarbeit mit geschultem Kulturgüterschutzpersonal sind die wichtigsten präventiven Massnahmen, welche der Kanton als Eigentümerin von kulturell bedeutenden Gebäuden ergreifen kann. Als Mitinitiantin und Beraterin der Wettinger Grossübung möchte die Kantonale Denkmalpflege mit dem Pilotprojekt in Wettingen den Rahmen einer Notfallplanung für eine kantonale Liegenschaft dieser Grösse und Bedeutung beispielhaft aufzeigen. Die Zusammenarbeit der verschiedenen Behörden und Wehrdienste steht im Zentrum des Projekts.

Die Notfallübung vom 11. September 2010 ist der Abschluss eines Projekts, welches 2007 von der Kantonalen Denkmalpflege zusammen mit der Firma Curesys AG in Wettingen, den Feuerwehren und den Zivilschutzorganisationen Wettingen und Baden gestartet wurde. Zum Übungsszenario gehört, dass der Altar nach 1507 zum zweiten mal direkt vom Brand beschädigt wird. Curesys AG hat zu diesem Zweck eine Kopie des Flügelaltars mit dem Wettinger Jesuskind hergestellt.

Kreuzgangkapelle. 2016.
image-7499592-DSC05469_Kopie7.w640.jpg
Nachttreppe in der Mönchskirche. 2016.
Links: Eingang zur Sakristei und daran angrenzende Piscina.
Rechts: Geöffnete Mönchspforte.
Ostwand der Kreuzgangkapelle unter der Nachttreppe mit Luftfilter. 2016.
Links: Aussenseite mit Piscina.
Rechts: Innenseite mit Wettinger Jesuskind.
Flügelaltar heute

Die Kreuzgangkapelle befindet sich in der nordöstlichen Ecke des Kreuzgangs, unmittelbar neben der Mönchspforte und unter der Nachttreppe der Mönchskirche, die nur während Führungen besichtigt werden kann. Der um 1285 entstandene Sakralraum hat eine Grundfläche von rund 6.75 m2 und eine Scheitelhöhe von 2.65 m.

Das Wettinger Jesuskind hängt über dem Blockaltar mit der originalen Altarplatte von 1289 und ist an der Ostwand der Kreuzgangkapelle angebracht. Dahinter befindet sich die an die Sakristei angrenzende Piscina (liturgisches Waschbecken). Die beiden kreisförmigen Luftfilter oberhalb des Wettinger Jesuskindes verbinden die Mönchskirche mit dem Kreuzgang.

Die Wandmalereien im Kapellenraum stammen aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts und zeigen den Sternenhimmel, die Taufe Christi, das Antlitz Christi, den heiligen Antonius Eremita nach bestandener Versuchung und den heiligen Benedikt von Nursia beim Empfang des Ostermahls.